Streit um Stablecoins, DeFi und Regulierung: Coinbase kippt bedeutende Krypto-Gesetzespläne
Die Krypto-Community blickt derzeit gebannt nach Washington: Ein Gesetzesvorhaben, das als Meilenstein für klare Regeln im digitalen Asset-Sektor gelten sollte, steht plötzlich auf der Kippe, nachdem Coinbase – die größte Kryptobörse der USA – ihre Unterstützung zurückgezogen hat. Diese dramatische Wendung lässt nicht nur Anleger aufhorchen, sondern wirft auch ein grelles Licht auf die tiefen Spannungen zwischen Technologieunternehmen, traditionellen Finanzinteressen und der politischen Klasse in den Vereinigten Staaten. Was genau ist passiert, warum stellt sich Coinbase jetzt quer – und welche Auswirkungen könnte das auf Bitcoin, Stablecoins und die gesamte Branche haben?
Die Krypto-Branche in den USA wartet seit Jahren auf ein umfassendes regulatorisches Rahmenwerk. Nach der Verabschiedung des GENIUS Act, der erstmals einen rechtlichen Rahmen für Stablecoin-Emittenten schuf, sollte nun ein weiterer Gesetzesentwurf – oft als Digital Asset Market Clarity Act oder kurz „CLARITY Act“ bezeichnet – Klarheit für den gesamten Markt schaffen. Doch das Vorhaben geriet ins Stocken, als Coinbase offen seine Opposition erklärte und dadurch einen langen geplanten Deal in Washington zum Einsturz brachte – ein Ereignis, das schnell als „Krypto-Hammer“ bezeichnet wurde.
Gesetz und Gegenwind: Wie Coinbase den Deal stoppte
Im Januar 2026 legten US-Senatoren einen Gesetzentwurf vor, der vor allem drei zentrale Ziele verfolgte: Erstens die rechtliche Einordnung von Krypto-Tokens (als Wertpapiere, Commodities oder andere Anlageklassen), zweitens die Zuständigkeit klar zwischen Behörden wie der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) und der Securities and Exchange Commission (SEC) aufzuteilen und drittens Regeln für Stablecoins und deren Nutzung zu schaffen. Der Entwurf erhielt anfänglich breite Aufmerksamkeit und wurde als potenzieller Meilenstein in der jahrzehntelangen Debatte um digitale Assets gefeiert.
Doch kurz bevor der Bankenausschuss des US-Senats den Entwurf besprechen und Änderungen in einem so genannten Markup-Prozess einführen wollte, zog Coinbase seine Unterstützung zurück. CEO Brian Armstrong erklärte öffentlich, dass die vorliegende Fassung des Gesetzes „materiell schlechter als der derzeitige Status quo“ sei und deshalb nicht unterstützt werden könne. In einer deutlichen Botschaft forderte er lieber kein Gesetz als ein schlechtes Gesetz.
Zentrale Kritikpunkte, die Coinbase anführte, sind unter anderem Bestimmungen, die faktisch Stablecoin-Rewards – sogenannte Zins- oder Ertragsbelohnungen für Nutzer – verbieten würden. Diese Rewards sind ein wesentlicher Bestandteil von Coinbases Geschäftsmodell, da sie den Nutzern Anreize bieten, Guthaben in Stablecoins wie USD Coin (USDC) zu halten. Bloomberg-Quellen schätzen, dass allein die Erträge aus Stablecoin-Rewards für Coinbase im Jahr 2025 rund 1,3 Milliarden US-Dollar betragen könnten.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Behördenzuständigkeit. Coinbase argumentiert, dass bestimmte Formulierungen die Rolle der CFTC schwächen und der SEC übergroße Kontrolle über den Markt einräumen könnten. Gerade nach Jahren intensiver Durchsetzungsmaßnahmen der SEC gegen diverse Krypto-Unternehmen ist das Vertrauen der Branche in die Börsenaufsicht empfindlich gestört, was in Washington immer wieder kritisch thematisiert wird.
Hinzu kommt, dass der Entwurf Änderungen enthält, die potenziell DeFi-Protokolle (dezentrale Finanzanwendungen) erheblich einschränken könnten, sowie Bestimmungen, die tokenisierte Aktien de facto verbieten würden. Diese Elemente erscheinen der Krypto-Community zu restriktiv und innovationsfeindlich, weshalb Coinbase von einer Unterstützung abrückte.
Das unmittelbare Ergebnis dieser Entscheidung war, dass der Senatsausschuss die geplante Diskussion und das Markup des Gesetzes verschoben hat. Ohne die breite Unterstützung eines so bedeutenden Akteurs wie Coinbase ist es unklar, ob der Entwurf in seiner jetzigen Form jemals die nötige Zustimmung erlangen kann.
Auswirkungen auf Bitcoin, Blockchain und den Markt
Für Bitcoin und den gesamten Kryptomarkt hat diese Entwicklung sowohl unmittelbare als auch längerfristige Auswirkungen. Kurzfristig führte die Unsicherheit um den Gesetzesentwurf zu einem Abkühlen der Rallye, nachdem Bitcoin zuvor wieder über die Marke von rund 96.000 US-Dollar gehandelt wurde. Die Kursbewegungen spiegeln wider, wie stark politische Ereignisse das Sentiment des Marktes beeinflussen können, selbst wenn fundamentale Faktoren wie Netzwerkentwicklung, Adoption oder Angebot-Nachfrage-Dynamiken unverändert bleiben.
Langfristig steht jedoch mehr auf dem Spiel. Ein klarer rechtlicher Rahmen in den USA wurde von vielen als Voraussetzung für institutionelle Investitionen und breitere Marktakzeptanz angesehen. Ohne ein solches Gesetz bleiben viele Unsicherheiten bestehen, etwa welche Tokens als Wertpapier gelten, wie Steuer- und Geldwäschegesetze anzuwenden sind oder wie Stablecoins reguliert werden. Die Blockade durch Coinbase weist auch auf ein tieferes industrielles Dilemma hin: Einerseits will die Branche Rechtssicherheit, andererseits sollen regulatorische Maßnahmen nicht die Geschäftsmodelle und Innovationskraft zerstören, die den Sektor seit seiner Entstehung geprägt haben.
Die Auseinandersetzungen um Stablecoin-Rewards zeigen zudem, wie stark traditionelle Finanzinteressen in den Prozess involviert sind. Banken-lobbygruppen argumentieren, dass solche Rewards, die bis zu 3,5 % jährlich erreichten, wie unregulierte Einlagen wirken könnten und daher ein Risiko für traditionelle Einlagengelder darstellen. Dieses Spannungsfeld zwischen Bankwirtschaft und Krypto-Finanzwelt verschärft den politischen Diskurs und macht Kompromisse schwieriger.
Ein weiterer langfristiger Aspekt ist die Frage der Innovation vs. Kontrolle. Viele Krypto-Startup-Gründer und Entwickler sehen Regulierung als notwendigen, aber derzeit noch falsch ausgerichteten Prozess, der eher traditionelle Machtstrukturen zementiert, als neue Technologien zu fördern. Gleichzeitig argumentieren politische Entscheidungsträger, dass Verbraucherschutz, Geldwäschebekämpfung und Finanzstabilität Priorität haben müssen – auch wenn das Innovationen bremsen kann.
Die Entscheidung von Coinbase, die Unterstützung für ein zentrales Gesetz zur Regulierung von Kryptowährungen in Washington zurückzuziehen, ist ein bedeutender Einschnitt in der Geschichte der Krypto-Politik in den USA. Sie zeigt, wie schwierig es ist, in einem hochpolitischen Umfeld ein ausgewogenes Regelwerk zu schaffen, das sowohl Innovation als auch Sicherheit berücksichtigt.
Für Bitcoin und andere digitale Assets bedeutet dies vorerst einen Aufschub bei der dringend erwarteten Rechtsklarheit, aber gleichzeitig auch eine Chance für die Branche, ihre Positionen zu schärfen und weitere Gespräche zu führen. Die Entscheidung könnte als Katalysator dienen – nicht als Ende, sondern als Anstoß für einen verbesserten, stärker ausgehandelten Ansatz, der die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt. Ob der Krypto-Regulierungsprozess in den USA damit in ein langwieriges Tauziehen mündet oder zu einer konstruktiven Lösung führt, wird davon abhängen, wie flexibel Gesetzgeber, Industrie und Interessenvertreter miteinander umgehen. Analysten und Marktteilnehmer bleiben jedenfalls wachsam, denn das nächste Kapitel in der Regulierungsgeschichte dürfte nicht lange auf sich warten lassen.
Kryptowährung unter Druck: Warum VanEck weniger rosige Zeiten für Bitcoin erwartetBitcoin steht laut VanEck vor schwierigen Monaten. Risiken wie technologische Bedrohungen, Kapitalverluste und Zyklusschwäche belasten die Stimmung im Kryptomarkt.
Bitcoin ohne Rhythmus? Warum der 4-Jahres-Zyklus in Frage stehtBitcoin folgt seit Jahren einem Halving-und-4-Jahres-Zyklus. 2025 erscheint dieses Muster erstmals zu bröckeln. Was das für Anleger bedeutet und wohin die Reise gehen könnte.
El Salvadors Bitcoin-Traum wird geerdet: 2025 endet die EuphorieEl Salvador setzte früh auf Bitcoin als Staatsstrategie. 2025 zwingt der Druck des IWF das Land zu Kurskorrekturen. Eine Einordnung.
World Liberty Financial: Trumps Krypto-Projekt endet das Jahr tief im MinusDer Token von World Liberty Financial verliert 2025 über 40 Prozent an Wert. Warum Trumps Krypto-Projekt Anleger enttäuscht und was dahintersteckt.
Bitcoin gegen Gold: Warum zwei Rekorde die Märkte gleichzeitig bewegenBitcoin notiert nahe 90.000 Dollar, Gold erreicht neue Rekordstände. Welche Faktoren die Märkte treiben und was das für Anleger bedeutet.


