Richard Stern
February 20, 2026
Welt

USA zu teuer? Rob Citrone setzt auf ein Schwellenland mit Rückenwind

Die Debatte um die richtige regionale Allokation ist für Anleger in Deutschland aktueller denn je. Während US-Aktienindizes jahrelang von Rekord zu Rekord eilten, mehren sich die Stimmen, die vor Überbewertungen und strukturellen Risiken warnen. In dieses Umfeld platzt die Positionierung des Hedgefonds-Milliardärs Rob Citrone, Gründer von Discovery Capital Management, der sich öffentlich skeptisch zu US-Assets äußert und stattdessen gezielt auf ein Schwellenland setzt. Für viele Marktbeobachter ist diese Makro-Wette ein Weckruf: Wenn ein erfahrener Investor, der für antizyklische Positionen bekannt ist, die USA untergewichtet, lohnt sich ein genauer Blick auf die Gründe – und auf das Land, dem er nun mehr Potenzial zutraut.

Citrone begründet seine Zurückhaltung gegenüber den USA vor allem mit der Bewertungssituation und den makroökonomischen Rahmenbedingungen. US-Aktien notieren gemessen am Shiller-KGV weiterhin über ihrem langfristigen Durchschnitt, während die Renditen von US-Staatsanleihen durch hohe Zinsniveaus Druck auf Bewertungsmultiplikatoren ausüben. Gleichzeitig bleiben fiskalische Risiken durch hohe Defizite und die wachsende Staatsverschuldung ein Thema, das Investoren zunehmend einpreisen. In Interviews und Marktkommentaren betont Citrone, dass das Chance-Risiko-Verhältnis in den USA aktuell unattraktiver sei als in ausgewählten Schwellenländern, die von Reformen, stabileren Leistungsbilanzen und strukturellem Wachstum profitieren.

Im Fokus seiner Schwellenländer-Wette steht Mexiko. Das Land profitiert vom anhaltenden Nearshoring-Trend, bei dem Unternehmen Produktionskapazitäten näher an den US-Markt verlagern, um Lieferketten zu verkürzen und geopolitische Risiken zu reduzieren. In der Praxis bedeutet das wachsende Direktinvestitionen in mexikanische Industrieparks, Logistikzentren und Fertigungsbetriebe. Mexikos Exporte in die USA haben in den vergangenen Jahren neue Rekorde erreicht, und das Land hat China zeitweise als wichtigsten Handelspartner der Vereinigten Staaten abgelöst. Für Citrone ist diese strukturelle Verschiebung ein zentraler Wachstumstreiber, der sich in Unternehmensgewinnen und an den Kapitalmärkten widerspiegeln dürfte.

Daten, Treiber und Risiken der Schwellenland-Wette

Die Attraktivität Mexikos speist sich aus mehreren Faktoren, die über kurzfristige Konjunkturzyklen hinausgehen. Erstens weist das Land eine im regionalen Vergleich solide makroökonomische Stabilität auf. Die mexikanische Zentralbank Banxico hat in den vergangenen Jahren konsequent auf Inflation reagiert, was die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik gestärkt hat. Zweitens profitieren Industriecluster entlang der Nordgrenze zu den USA von Investitionen internationaler Konzerne aus der Automobil-, Elektronik- und Konsumgüterindustrie. Drittens sorgen neue Handelsrouten und Infrastrukturprojekte für Produktivitätsgewinne, die mittelfristig das Wachstumspotenzial erhöhen. Diese Faktoren zusammen stützen die These, dass mexikanische Vermögenswerte ein günstigeres Bewertungs-Wachstums-Profil bieten als viele US-Titel.

Auch die Kapitalmärkte spiegeln diesen Trend wider. Der mexikanische Leitindex hat in Phasen globaler Unsicherheit relative Stärke gezeigt, während die Landeswährung Peso zeitweise zu den bestperformenden Währungen unter den Emerging Markets zählte. Das ist für internationale Investoren relevant, weil Währungsgewinne die Gesamtrendite erhöhen können. Zudem verzeichnet Mexiko steigende ausländische Direktinvestitionen, was als Vertrauenssignal in die langfristige Standortqualität gilt. In Kombination mit dem Nearshoring-Effekt ergibt sich ein Investitionsnarrativ, das strukturelle Trends mit kurzfristigen Bewertungsargumenten verbindet.

Gleichzeitig bleibt Citrone Realist. Schwellenländer bergen spezifische Risiken, die Anleger nicht ausblenden sollten. Politische Entscheidungen können Investitionsbedingungen abrupt verändern, regulatorische Unsicherheiten bleiben ein Faktor, und externe Schocks – etwa eine Abschwächung der US-Nachfrage – wirken sich auf Mexikos exportorientierte Wirtschaft unmittelbar aus. Auch Sicherheits- und Governance-Themen gehören zur Risikoanalyse. Citrone betont daher, dass seine Positionierung nicht als pauschale Abkehr von den USA zu verstehen sei, sondern als taktische Allokation zugunsten eines Marktes mit aktuell besserem Risiko-Ertrags-Profil.

Für deutsche Anleger ist der Kontext entscheidend. Viele Portfolios sind stark US-lastig, sei es über ETFs auf den S&P 500 oder Technologiewerte. Eine selektive Beimischung von Schwellenländern kann die Diversifikation erhöhen und das Klumpenrisiko reduzieren. Mexiko bietet dabei eine Brückenfunktion zwischen Industrie- und Schwellenland, da das Land eng in nordamerikanische Wertschöpfungsketten integriert ist. Gleichzeitig sollten Anleger die Volatilität berücksichtigen, die mit Emerging Markets typischerweise einhergeht, und eine angemessene Gewichtung wählen.

Ein Blick in die Historie zeigt, dass Citrone mit antizyklischen Makro-Wetten bereits in der Vergangenheit Aufmerksamkeit erregt hat. Sein Ansatz kombiniert Top-down-Makroanalysen mit Bottom-up-Selektion einzelner Titel. In Phasen, in denen Märkte einseitig positioniert sind, sucht er gezielt nach Regionen, in denen strukturelle Trends noch nicht vollständig eingepreist sind. Der aktuelle Fokus auf Mexiko passt in dieses Muster, zumal Nearshoring kein kurzfristiger Modetrend ist, sondern eine strategische Neuordnung globaler Lieferketten widerspiegelt.

Eine Makro-Wette mit Signalwirkung für Anleger

Die Entscheidung von Rob Citrone, die USA unterzugewichten und stattdessen auf ein Schwellenland zu setzen, ist weniger ein spektakulärer Gegenruf als eine nüchterne Risiko-Ertrags-Abwägung. Hohe Bewertungen, fiskalische Unsicherheiten und Zinsrisiken dämpfen aus seiner Sicht das US-Potenzial, während Mexiko von strukturellem Wachstum durch Nearshoring, steigende Direktinvestitionen und eine engere wirtschaftliche Verzahnung mit den USA profitiert. Für Anleger in Deutschland liefert diese Positionierung einen Impuls, die eigene regionale Allokation zu hinterfragen und Diversifikation nicht nur als Schlagwort, sondern als strategisches Instrument zu verstehen. Wer Schwellenländer beimischt, sollte Chancen und Risiken ausgewogen abwägen und die Positionierung an den eigenen Anlagehorizont anpassen.

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